Mein Name ist Sibylle Ruschmeier, ich arbeite in der Hamburger Beratungsstelle Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen. Wir beraten und begleiten Frauen und Mädchen, die eine Vergewaltigung, einen Vergewaltigungsversuch oder eine andere Form sexualisierter Gewalt erlebt haben.
Wir beraten auch Angehörige, Vertrauenspersonen und Fachleute. Neben der individuellen Beratungs- und Unterstützungsarbeit für Betroffene sexualisierter Gewalt ist der zweite wichtige Pfeiler unserer Arbeit Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit.

Wir freuen uns über die derzeitig neue politische Protestform des SlutWalk, die sich als Reaktion auf den Ausspruch des kanadischen Polizisten „Frauen sollen sich nicht wie Schlampen kleiden, dann sind sie auch weniger in Gefahr vergewaltigt zu werden“ hin entwickelt hat.
Staunend nehmen wir zur Kenntnis, dass seither in nahezu allen Teilen der Welt, auf allen Kontinenten, Menschen mobilisiert sind, für ihr Recht auf Selbstbestimmung, auf sexuelle Selbstbestimmung und gegen Sexismus und Vergewaltigungsmythen auf die Straße zu gehen! Die Proteste sind bunt, kreativ, wütend und lebendig!
Wir finden das großartig, denn der Kampf gegen Vorurteile und Vergewaltigungsmythen ist schwer und zäh. Sie halten sich einfach unglaublich hartnäckig. Ihr Vorhandensein und auch ihre Wirksamkeit wurden schon vor Jahrzehnten erforscht und wissenschaftlich dargelegt.
Auch ganz aktuelle Studien zeigen auf, wie sehr sich Vorstellungen über die Menschenrechtsverletzung Vergewaltigung in den Köpfen der Menschen halten. Und wie sie ihre Einstellungen und ihre Reaktionen auf diese Verbrechen beeinflussen und formen.
Uns im NOTRUF begegnen diese Art Mythen und Klischees alltäglich in unserer Arbeit. Der Realität der Gewalttaten entsprechen sie überhaupt nicht. Sie stellen aber sehr wohl eine eigene Realität dar und sie wirken auch ganz real auf die Situation der Betroffenen.

Schon 1986 schrieb der US amerikanische Psychologe David Finkelhor Vergewaltigung sei ein Verbrechen mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite stehe die reale Tat und auf der anderen Seite stehe die Vorstellung, die die Menschen über eine Vergewaltigung haben. Diese Vorstellungen und Überzeugungen, die Menschen über eine Vergewaltigung haben, beeinflussen ihr Denken über die Taten, wie, wo und warum sie geschehen, wer die Täter sind, wer die Opfer sind und wie diese sich verhalten und welche Folgen für die Betroffenen entstehen.

Das Vorurteil, was der Polizeibeamte Anfang des Jahres in Toronto wiedergab und woraufhin sich weltweit die SlutWalks als Proteste formierten, war eines dieser Vorurteile. Eines, das wir alle schon mal gehört haben, was wir alle vielleicht schon mal gedacht haben: „Wenn die sich aber auch soo anzieht…“
Was steht dahinter?
Dahinter stehen verschiedene Annahmen, die alle eine Funktion haben: Den Täter in seiner Verantwortung für die Gewalt zu entlasten und dem Opfer die Schuld, zumindest eine Mitschuld zuzuschieben. Dahinter steht auch die Annahme, sich durch eine bestimmte Kleidungswahl vor sexualisierter Gewalt schützen zu können. Diejenige, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, muss etwas falsch gemacht haben. Es darf nicht sein, dass sie unschuldig und einfach so, womöglich noch zufällig, Gewalt erlitten hat. Das würde nämlich bedeuten, dass Frauen und Mädchen nicht sicher sind in dieser Gesellschaft, in den patriarchal strukturierten Gesellschaften weltweit. Und das sind sie ehrlich gesagt auch nicht.

In einer patriarchalen, zweigeschlechtlich organisierten Gesellschaft wir sexuelle Gewalt zur Machtausübung von Männern über Frauen und als Mittel zur sozialen Kontrolle eingesetzt. Uns ist es wichtig zu benennen: weltweit sind es vor allem Frauen und Mädchen, die Opfer von sexualisierter Gewalt werden, die von Männern verübt und bewusst eingesetzt wird. Dass Menschen, die sich anders sexuell definieren oder/ und ihre Sexualität abweichend von der Norm definieren, auf noch einmal besondere Art gefährdet sind, Opfer von Abwertung, Demütigung und Gewalt zu werden, ist innerhalb dieser Struktur klar.
Daher ist es so wichtig und so gut, dass Menschen auf die Strasse gehen und deutlich machen, „Egal wie ich mich fühle, egal wie ich mich kleide, Du hast nicht das Recht, mich anzufassen!“

Die meisten Vorurteile und falschen Vorstellungen, die über Vergewaltigungen bestehen, kreisen um vermeintlich „typisch männliche“und „typisch weibliche“ Verhaltensweisen, über vermeintlich „richtige“ und „falsche“ Verhaltensweisen des Opfers, um den „typischen Vergewaltiger“ und die „typische Vergewaltigungssituation“. Deutlich wird vielleicht schon: Alles was davon abweicht, alles was vermeintlich „untypisch“ ist, hat es schwer, Gehör zu finden und Überzeugungskraft zu entwickeln. Aber warum eigentlich? Weil es große Angst machen würde, die Gewalt nicht vorhersehen, nicht erklären, nicht eingrenzen zu können. Es würde zu große Angst machen, Täter nicht erkennen zu können. Und es würde zu große Angst machen, keine Erklärung dafür zu finden, warum eine Opfer dieser Gewalt geworden ist. Die falschen Vorstellungen halten das menschengemachte Grauen fern, erklären das Unerklärliche. Sie verharmlosen, rechtfertigen, entlasten, entschuldigen, verleugnen, deuten um und lenken ab.
Sie sind auch eine Form einer psychischen Abwehr – und dies sowohl individuell als auch gesellschaftlich. So bezeichnen auch PsychologInnen die Strategie des blaming the victim (d.h. dem Opfer die Schuld, zumindest eine Mitschuld für die Tat zu geben) als psychotraumatologische Abwehrstrategie. Eine Vergewaltigung ist ein schier unerträglicher Kontrollverlust. Durch das Abwehrverhalten wird auch versucht, Kontrolle zurückzugewinnen.

Die meisten Klischees zu Vergewaltigung beinhalten eine Entlastung der Täter von der Verantwortung für ihr Handeln. Umgekehrt belasten sie die Opfer und schieben ihnen die Verantwortung für die Handlungen eines anderen zu. Diese Schuldumkehr führt dazu, dass die Betroffenen durch Schuldvorwürfe erneut gedemütigt und beschämt werden.

Hinzu kommt, dass auch die schweren Folgen sexualisierter Gewalt für die Opfer sowohl in der privaten als auch in der öffentlichen Diskussion oft bagatellisiert und geleugnet werden. Sei es vor Gericht, bei Ämtern oder im Gespräch mit nächsten Angehörigen – den Aussagen von Vergewaltigungsopfern wird vielfach mit Zweifeln begegnet. Je weniger eine Tat der gängigsten Vorstellung von einer „echten“ Vergewaltigung entspricht – und das wäre: die Tat geschieht nachts in einsamer Gegend
überfallartig, der Täter ist ein der Frau völlig unbekannter psychisch kranker, sexuell gestörter Mann, die Frau ist schwer verletzt und ruft sogleich die Polizei – je weniger die tatsächliche Tat diesem Stereotyp entspricht, desto mehr Raum für Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Frau entsteht. Nicht ohne Grund hat im Zusammenhang mit dem öffentlichen Gerichtsverfahren gegen den Moderator Kachelmann der Staatsanwalt a.D. Herr Karge im Fernsehen gesagt, im Fall einer Beziehungstat würde er seiner eigenen Tochter nicht raten, Strafanzeige zu erstatten.
Die betroffenen Frauen und Mädchen sehen sich, wenn sie die Tat öffentlich gemacht haben, oft einem Klima des Misstrauens ausgesetzt. Ein Klima das sie allzu oft im Schweigen festhält und isoliert. Immer wieder hören wir in den Beratungen die Befürchtung: „Ich kann doch nicht anzeigen, ich habe doch keine Beweise, das glaubt mir doch keiner.“ Stattdessen werden den Frauen und Mädchen oftmals Fragen und Interpretationen entgegengebracht, die das Gewaltverbrechen letztlich komplett umdeuten und sogar ganz zum Verschwinden bringen. „Warum bist Du denn auch in seine Wohnung mitgegangen? Er musste doch denken, dass Du das auch willst. Das ist doch ein so netter Mann. Der hat das doch gar nicht nötig. Wahrscheinlich hast Du ihn sexuell so gereizt. Hast Du Dich überhaupt gewehrt? Das war doch gar keine richtige Vergewaltigung.“

Jeden Tag gehen Frauen und Mädchen mit Männern in Wohnungen und geschlossene Räume. Natürlich. Selbstverständlich. Jeden Tag gehen Frauen und Mädchen nachts alleine nach Hause. Natürlich. Selbstverständlich. Jeden Tag lernen irgendwo Frauen und Mädchen Fremde kennen. Natürlich und selbstverständlich. Nur wenn es schief geht und der Mann ihr Gewalt antut, dann hat sie etwas falsch gemacht, dann ist sie selber Schuld. Dann ist sie schuld daran, dass ihr ein anderer Gewalt angetan hat.

Was gibt es noch für Vorurteile und Mythen, die die Vorstellungen über Vergewaltigungen prägen?
Ähnlich wie das Klischee, eine Frau könne sich durch ihre Kleidung vor Vergewaltigung schützen, ist die Vorstellung „Nur junge attraktive Frauen und Mädchen werden vergewaltigt.“
Tatsache ist: Frauen jeglichen Alters und Aussehens, jeglicher sozialer Herkunft, Nationalität oder Religion werden vergewaltigt.

„Vergewaltiger sind psychisch krank oder sexuell gestört.“
Tatsache ist: Egal wie abgedroschen das klingt: Die Täter sind überwiegend ganz normale Männer. Sie weisen zu über 90% keine
psychopathologischen Auffälligkeiten auf.

„Der Täter ist ein Triebtäter, er konnte seinen Sexualtrieb einfach nicht mehr beherrschen.“
Tatsache ist: Es gibt keine physische oder biologische Ursache, die dazu führen könnte, dass der Sexualtrieb von Männern jenseits eines bestimmten Punktes unbeherrschbar wird.

„Vergewaltigungen werden typischerweise Überfallartig von Fremdtäternbegangen.“
Tatsache ist: Fremdtäter, also Männer, die der betroffenen Frau völlig unbekannt sind, gibt es nur selten. In der Hamburger Polizeilichen Kriminalstatistik von 2010 machen Fremdtäter knapp 20% aus. 51,8% der Täter waren hingegen Verwandte oder Bekannte.

“Vergewaltigungen passieren nachts in einsamen Gegenden“
Tatsache ist: 69% der in einer repräsentativen Untersuchung von 2004 genannten Tatorte sind die Wohnung der Frau oder die Wohnung des Täters. So genannte „Angstorte“ (z.B. dunkle Straßen und Parks) wurden von den befragten Frauen zu 20% als Ort der Vergewaltigung benannt. Tatsache ist also: Frauen sind dort am stärksten bedroht, wo sie sich am sichersten fühlen.

„Echte Vergewaltigungsopfer wehren sich kräftig und haben nach der Tat deutliche Verletzungen.“
Tatsache ist: Jede Frau, jedes Mädchen setzt sich gegen eine Vergewaltigung, gegen den Angriff auf ihr intimstes Selbst zur Wehr. Eine Vergewaltigung ist ein extremtraumatisches Erlebnis. In der Situation schaltet der Körper auf ein Notprogramm um. Es geht einzig um das Überleben. Die Formen des Widerstandes sind vielfältig. Jede Frau, jedes Mädchen leistet den Widerstand, der ihr möglich ist. Jede hat ein Ziel: Überleben.

„Echte Vergewaltigungsopfer zeigen den Täter an.“
Tatsache ist: Nur ca. 10-30% der Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen kommen zur Anzeige. Fremdtäter werden weitaus häufiger angezeigt als Täter aus dem sozialen Umfeld. Die wenigsten Frauen und Mädchen suchen direkt nach der Tat die Polizei auf.

„Frauen, die stark und selbstbewusst auftreten, werden nicht vergewaltigt.“
Tatsache ist: Es gibt kein Verhalten, das eine Vergewaltigung ausschließen kann. Die Verantwortung trägt allein der Täter.

„Wenn eine Frau oder ein Mädchen einen Mann wegen Vergewaltigung anzeigt, handelt es sich oft um eine Lüge, z.B. aus Rache oder enttäuschter Liebe.“
Tatsache ist: Falschbeschuldigungen wegen Vergewaltigung und Sexueller Nötigung sind sehr selten. Laut einer Untersuchung von 2009 liegen sie in Deutschland bei rund 3%. Wesentlich häufiger werden wahre Beschuldigungen aufgrund von Scham, Angst oder auf Druck der Umgebung zurückgenommen. Die meisten Frauen und Mädchen zeigen aus diesen Gründen gar nicht erst an.

Alles in allem werden Vergewaltigungen auch heute noch – so wie bereits vor hundert Jahren – als „Kavaliersdelikt“ verharmlost und können auch im 21. Jahrhundert immer noch als das „fast perfekte Verbrechen“ gelten:
Sie werden selten angezeigt und noch seltener durch einen richterlichen Schuldspruch verurteilt. Je mehr die Tat, der Täter, das Opfer den stereotypen Vorstellungen entsprechen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Verurteilung kommt.

Tatsache ist:

  • Die Quote der polizeilich angezeigten sexuellen Gewalthandlungen
    liegt bei unter 5%.
  • 47% der von sexueller Gewalt Betroffenen reden mit niemandem über die erlebte Gewalt. Sie schweigen.
  • Die Verurteilungsquote in Deutschland – d.h. die Verurteilungen bezogen auf die angezeigten Vergewaltigungen – ist seit dem Jahr 2000 kontinuierlich von ca. 20% auf rd. 13% gefallen. Diese Quote ist im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich.
  • In Hamburg wurden im Jahr 2010 insgesamt 262 Strafanzeigen gem. §177 StGB „Vergewaltigung und sexuelle Nötigung“erstattet. 1
  • Ausgehend davon, dass die Dunkelziffer rund 5 – 10x höher ist, bedeutet dies: In Hamburg wurden im vergangenen Jahr rund eineinhalb- bis zw eieinhalbtausend Sexualstraftaten gem. §177 StGB verübt. Anders formuliert: Jeden Tag wurden in Hamburg im
    vergangenen Jahr bis zu 7 dieser schweren sexuellen Gewaltstraftaten verübt. (Nur §177!)
  • 216 Tatverdächtige zu diesen Straftaten wurden laut PKS 2010 innHamburg (gem. §177 StGB) ermittelt. Die Täter sind dabei zu 98% männlich, die Opfer zu über 96% weiblich.
  • Bei einer zugrunde gelegten Verurteilungsquote von 13% bleiben 87% dieser Tatverdächtigen straffrei, d.h. also von diesen 216 Personen bleiben 188 straffrei.
  • Lediglich 13%, also 28 dieser tatverdächtigen Personen werden verurteilt. Tatsächlich war am Mittwoch in der Hamburger Presse zu lesen: 26 Sexualstraftäter wurden 2010 verurteilt – 26 von 216 ermittelten Tatverdächtigen.
  • Über die Höhe des Strafmaßes ist nichts bekannt.

Solange sich in den Köpfen der Menschen und also auch in den Köpfen derer, die innerhalb des Rechtssystems das gesellschaftliche Werte- und Sanktionssystem vertreten und bilden, diese falschen Vorstellungen über Vergewaltigungen, über die Taten, die Täter und die Opfer halten, solange werden Verfahren im Ermittlungsstadium eingestellt. Und solange werden Urteile gesprochen, die die Tatverdächtigen bzw. die Angeklagten von ihrer Verantwortung und ihrer Schuld freisprechen.
Solange in Gerichtssälen darüber verhandelt wird, ob der Beschuldigte wirklich erkennen konnte, dass die Frau / das Mädchen den
Geschlechtsverkehr nicht wollte, obwohl sie wiederholt „Nein, hör auf, ich möchte das nicht“ gesagt hat, ist es dringend notwendig, immer wieder auf die besondere Wirkungskraft von Vergewaltigungsmythen hinzuweisen. Solange so etwas wie die „geschlechtsspezifische Situationsverkennung“ – was verkürzt bedeutet: er konnte nicht erkennen, dass sie nicht wollte – gerichtssaalfähig und justiziabel ist und immer wieder dazu ührt, dass Frauen und Mädchen mit dem Freispruch des Angeklagten leben müssen, solange werden Aufklärungsarbeit, politische Arbeit und Demonstrationen wie diese für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, für die Einhaltung des universellen Menschenrechtes auf körperliche Unversehrtheit dringend notwendig
sein.

Auch die Medien haben eine wichtige Funktion dabei, falsche Vorstellungen und Mythen nicht zu reproduzieren und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit unmissverständlich zu transportieren.
Und im Grunde ist es doch wirklich einfach und unmissverständlich: Nein heißt nein.

Zahlen aus:

  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2004): „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“
  • Kelly/ Seith/ Lovett (2009): „Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? – Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern“, London Metropolitan University
  • Polizeiliche Kriminalstatistik Hamburg 2010
  1. PKS Hamburg Summenschlüssel 111000 + 112000 [zurück]

© Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e.V., Hamburg, August 2011