Wir solidarisieren uns mit dem SlutWalk, und allen Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben führen möchten, ohne dafür ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit eintauschen zu müssen.

Wir Mitarbeiterinnen vom 1. & 3. Autonomen Hamburger Frauenhaus kämpfen täglich gegen sexualisierte Gewalt, und für ein Recht auf Selbstbestimmung des eigenen Lebens und der Sexualität. Gewalt gegen Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung, die täglich statt findet – bei uns und überall auf der Welt. Das nehmen wir nicht länger hin! Sexismus ist in unserer heteronormativen Gesellschaft allgegenwärtig, er wird anerzogen, über Werbung und Medien verbreitet, und entlädt sich in seiner schlimmsten Form als sexualisierte Gewalt. Niemand hat das Recht, dir Gewalt anzutun – egal welches Geschlecht, welche Hautfarbe du hast, oder wie alt du bist. Einschüchterung, Erpressung, Bedrohung, Nötigung, Kontrolle, soziale Isolation, Prügel, Entwertungen, Belästigungen, Bedrängung, Verfolgung, Misshandlungen, Beleidigungen, Beschimpfungen – all das ist Gewalt.

In unserer Arbeit sind wir täglich damit konfrontiert, der Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen entgegen zu wirken. Sexualisierte Gewalt ist Ausdruck der bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse in seiner schlimmsten Form. Für Frauen ist das Risiko, in einer Beziehung Gewalt zu erfahren, ungeachtet von Bildung, Einkommen, Alter und Religionszugehörigkeit weitaus höher als von einem Fremden angegriffen zu werden… In Deutschland war bzw. ist schon jede vierte Frau betroffen von Männergewalt. Die eigene Wohnung ist der gefährlichste Ort für eine Frau. Täter lauern selten in dunklen Büschen – wir alle kennen Täter: sie bewegen sich frei in unserer Gesellschaft, sind anerkannt im Beruf und bei den Nachbarn, engagieren sich vielleicht für Kinder, kommen aus allen Schichten der Gesellschaft, sind jung oder alt, haben verschiedene Religionen. Nur eines ist ihnen gemeinsam: sie üben Macht aus – eine Macht, die ihnen endlich aberkannt werden muss, weil sie ihnen nicht zusteht! Die macht über unser Leben zu bestimmen, über unseren Körper, über unseren Willen.

Deshalb fordern wir noch immer eine Ächtung der Gewalt gegen Frauen, anstatt sie in Opferrollen zu drängen. Frauen, die ins Frauenhaus kommen, sind starke Frauen, die sich und ihre Kinder vor der alltäglich stattfindenden Gewalt in Sicherheit bringen wollen. Unter anderen Umständen zahlen sie mit ihrem Leben. Wenn sie flüchten, zahlen sie mit Stigmatisierung, und ökonomischen Abstrichen. Sie müssen ihre Wohnung und Arbeit aufgeben, die Kinder den Kindergarten oder die Schule. Die Gewalttäter verbleiben in der gemeinsamen Wohnung, und haben kaum etwas zu fürchten

Wir verurteilen die fortwährende Unterstützung gewalttätiger Männer. Nach dem bestehenden Umgangsrecht dürfen Männer, die ihre Partnerin misshandelt haben, weiter Kontakt zu ihren Kindern haben. Dies ist unzumutbar und stellt eine weitere Form der Machtverhältnisse in dieser Gesellschaft dar. Viele Betroffene werden von ihren Partnern umgebracht. Die, die die Misshandlung überleben, müssen mit körperlichen Folgen kämpfen. Knochenbrüche, die Schädigung innerer Organe, Hirnschädigungen auf Grund von Schlägen auf den Kopf, Unterleibsverletzungen durch Tritte und Schläge oder erzwungene Abtreibungen, anale und vaginale Verletzungen durch Vergewaltigungen, Geschlechtskrankheiten, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten sind körperliche Folgen. Männer, die Frauen misshandeln dürfen kein Umgangrecht erhalten. Das ist Kindeswohlgefährdung. Das ist Gewalt.

Frauen, die abgeschoben werden, und im den Land eine Zwangsehe fürchten müssen sind staatlicher Gewalt gegen Frauen ausgeliefert. Das BKA hat gerade verkündet, dass die Zahl der sogenannten „Ehrenmorde“ in Deutschland weitaus geringer ist, als befürchtet. Wir sagen: jeder „Ehrenmord“ ist einer zuviel. Ist Totschlag kein Ehrenmord? Ist Gewalt gegen Frauen, die von Männern ohne Migrationshintergrund ausgeht, nicht auch immer Gewalt im Namen der verletzten Ehre? Wir fragen uns, weshalb bei Gewalt, die in Beziehungen ohne Migrationshintergrund statt findet immer bloß von Familiendramen die Rede ist. Fest steht: ohne Frauenhäuser würde es weit mehr „Ehrenmorde“ geben, weil nur durch die Flucht in eine andere Stadt und die Annahme einer neuen Identität die Frau überlebt. Andere sehen sich gezwungen, den Zwängen nachzugeben, und gehen eine Zwangsheirat ein. Sie leben ein Leben, das nicht als solches bezeichnet werden kann, sie müssen tägliche Vergewaltigungen durch den Ehemann über sich ergehen lassen, dürfen die Wohnung nicht verlassen, werden gedemütigt und isoliert. Die Gesellschaft darf nicht länger hinnehmen, dass dies Tag für Tag statt findet, und erst recht gibt es keinen Anlass, eine Entwarnung abzugeben. Gewalt ist durch nichts zu legitimieren – die Folgen der Gewalt ebenfalls nicht.

Die Stadt Hamburg hat die Pflicht, Frauenhäuser zu erhalten und das Angebot zu erweitern, denn die Häuser sind ausgelastet. Die Arbeitsbelastung ist hoch, doch die Freie und Hansestadt hat Sparzwänge, die die Schutzräume gefährden. Jede Frau muss das Recht haben, sich in Sicherheit zu bringen und die Stadt, in die sie flüchtet, frei wählen können.
Jede Frau muss zu jeder Zeit einen Platz in einem Frauenhaus erhalten, die bestehenden Plätze reichen nicht aus, oftmals müssen Frauen alles aufgeben, um in ein weit entferntes Schutzhaus flüchten zu können. Sie tragen die sozialen und finanziellen Konsequenzen häuslicher Männergewalt. Sie leiden nicht nur unter sozialer Isolation, sondern müssen ihre Wohnung und die gewohnte Umgebung verlassen, wenn sie in ein Frauenhaus fliehen. Sie verzichten auf gemeinsames oder sogar ihr eigenes Eigentum, um in Ruhe gelassen zu werden. Oftmals verzichten Frauen aus Angst vor weiteren Angriffen auf Unterhalts-, Vermögensausgleichs- oder Schadensersatzzahlungen.

Wir fordern: Gewaltschutz darf nicht an finanzieller Unterstützung scheitern. Frauenhausarbeit ist kein Ehrenamt, Tag für Tag die Gewaltauswirkungen zu sehen, ist eine hohe psychische Belastung, Kriseninterventionen sind an der Tagesordnung, Psychologinnenstellen werden seit Jahren nicht mehr finanziert. Schutz für Frauen darf nicht an finanziellen Mitteln scheitern, Schutz für Frauen darf keinen Halt an Landesgrenzen machen.

Wir haben es satt, Rechte einfordern zu müssen, die uns zustehen, Wir lassen uns nicht den Mund verbieten, wir sind laut und unbequem Wir kämpfen für eine Welt, in der es keine Unterdrückung gibt, eine Gesellschaft, in der das Recht auf körperliche Unversehrtheit ungleich des Geschlechts verteidigt wird, ein Leben ohne Gewalt und ohne Diskriminierung, das die Menschen selbstbestimmt leben können.

Wir sind stark, gemeinsam sind wir stärker. Unterstützt uns, fangt heute an, brecht die Tabus, brecht das Schweigen, Lebt, wie ihr wollt, ihr habt das Recht, eure SexualpartnerInnen frei zu wählen und deren Anzahl, ohne dass jemand das Recht hat, euch dafür zu verurteilen. Kleidet euch, wie ihr wollt – niemand hat das Recht, euch Gewalt anzutun denn niemals ist dies eine Aufforderung oder gar Legitimation zur Gewaltanwendung. Habt Sex, bekämpft Sexismus, seid solidarisch, seid laut, seht nicht länger weg, seid stolze „Schlampen“.

Ich möchte mit einer Utopie abschließen: Wie wäre es, wenn eines Tages Frauen unversehrt und erhobenen Hauptes anstatt mit blauen Flecken übersät und in Tränen aufgelöst zu uns kämen, und berichten würden, ihr Typ habe sie als „Schlampe“ bezeichnet? Wir würden sie beglückwünschen!

Das Private ist politisch. keep on fighting.