Bündnisredebeitrag zu Funktion und Gestalt von Alltagssexismus und Gewaltverharmlosung, zum Schlampenbegriff, sowie zu Definitionsmacht

Hallo, wir sind das SlutWalk-Bündnis Hamburg, bestehend aus feministischen wie queerfeministischen Gruppen (darunter Flitter, gr*i*p, Varietas, Mujeres sin Fronteras), Beratungs- und Anlaufstellen, die mit von sexualisierter Gewalt Betroffenen arbeiten wie
Frauennotruf Hamburg oder das Frauenhaus Hamburg, und engagierten Einzelpersonen.

Wir sind heute hier, um gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigungsmythen und -verharmlosungen und für Selbstbestimmung und einen offenen Umgang mit Sexualität und Geschlecht zu demonstrieren.

Dies gelingt, wenn wir sichtbar werden, die Verletzungen an unserem Recht auf geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung sichtbar werden und wir alle zusammen für dieses Menschenrecht einstehen. Das gelingt, wenn auch wir unser Handeln darauf befragen und reflektieren, ob wir Geschlechterklischees wiederholen. Denn Sexismus, das heißt, die Zuweisung bestimmter gesellschaftlicher Aufgaben und bestimmter Fähigkeiten auf das biologische Geschlecht, ist etwas, das uns alle betrifft und von uns allen reflektiert werden muss. Nur so können wir Sexismus überwinden, und auch sexualisierte Gewalt, die Folge von Sexismus, aus der Welt schaffen.

Viel Sexismus wird tagtäglich in Medien, der Politik, in der Schule oder im Supermarkt wiederholt, ohne, dass dies immer bewusst ist. Es ist so vermeintlich normal geworden, dass es nicht mehr als etwas, das hinterfragt und ablehnt werden sollte, wahrgenommen wird. Sexistische Annahmen sind zum Beispiel, dass Jungen lieber mit Autos spielen, wilder und von angeblich Natur aus stärker oder rationaler sind, oder technisch/naturwissenschaftlich begabt, und dass Mädchen lieber mit Puppen spielen und Sprach- und emotional begabter sind als Jungen.

Dies dient dazu das alte Machtgefälle zwischen Männern und Frauen zu stützen, Frauen durch ihr biologisches Geschlecht eine gesellschaftliche Rolle zuzuweisen, wie die Aufgabe der Erziehung oder soziale Tätigkeiten im Umgang mit Menschen. Männern hingegen wird durch ihr Geschlecht und die damit verbundenen Assoziationen mehr Führungsqualität zugewiesen, was mehrere wissenschaftliche Studien widerlegen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass die Erziehung einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Neigungen, Interessen und auch Begabungen hat, und dies keineswegs von Geburt an festgelegte Geschlechtermerkmale sind. So werden längst veraltete Rollenbilder und Machtgefälle reproduziert.

Immer noch verdienen Frauen 23% weniger als Männer in Deutschland, und in den meisten Führungspositionen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sind Frauen extrem unterrepräsentiert. Der Anteil der Professorinnen liegt bei 12 %, obgleich es mehr Frauen als Männer mit einem Hochschulabschluss gibt und Frauen im Schnitt bessere Abschlüsse haben. Frauen sind in den Führungsgremien der großen börsennotierten Firmen in Deutschland laut einer Studie der Managerinnen-Inititaive Fidar mit dem Titel „Frauen in die Aufsichtsräte“ aus dem Januar 2011 nach wie vor kaum präsent. In den wichtigen Börsenindizes Dax, MDax, SDax und TecDax sind nur 6,5 Prozent der Aufsichtsräte und Vorstände weiblich. Im Topmanagement beträgt der Frauenanteil nur drei Prozent. 74 der insgesamt 160 Firmen hatten sogar gar keine Frauen in den oberen Leitungsgremien (http://www.tagesschau.de/wirtschaft/frauenwirtschaft100.html). Wie kann das sein? Es gibt insgesamt mehr Frauen als Männer in Deutschland! Frauen müssen sich immer noch entscheiden, ob sie Kinder bekommen möchten oder wirtschaftlich abhängig sein möchten. Dies alles ist nicht mehr hinnehmbar. Demografisch gesehen gibt es jedoch zumindest in Deutschland mehr Frauen als Männer. Also, wo sind sie? Sie sind hier, wütend und laut. Es muss sich einiges ändern! Sexismus hat viele Gesichter.

Sexismus im Alltag äußert sich auch durch die Sexualisierung von Frauen durch Männer. Dies ist ebenfalls ein Herrschaftsinstrument, das der Reduktion von Frauen auf bestimmte Eigenschaften oder Rollen dient. Sie sollen sich im die Kinder kümmern und schön zu Hause bleiben, die Machtpositionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sollen schön den
Männern überlassen werden. Geht es dir auch auf die Nerven, dass du aufgrund deiner Kleidung oder deines Geschlechts,
deines Aussehens blöd angegraben wirst, angegrapscht wirst, belagert wirst? Die nervigen Blicke, das ewige nicht ernst nehmen von dem was du sagst? Die ewige Sexualisierung deiner Person?

Wir haben genug! Wir ziehen an was wir wollen, küssen, wen wir wollen, und machen was wir wollen. Und wenn wir etwas nicht wollen, dann hast du das zu akzeptieren. Also, welchen Teil von Nein verstehst du nicht?!

Wir sind heute hier, weil wir es satt haben diffamierend als Schlampen bezeichnet zu werden und die Schuld an sexueller Gewalt zugewiesen zu bekommen. Wir nennen uns SlutWalk, weil das Fass an Demütigungen und Einschränkungen zu voll
geworden ist! Frauen werden Schlampe genannt, wenn sie keinen Sex mit jemandem haben wollen, und auch, wenn sie Sex haben. Egal ob sie gerne trägerlose Tops oder Wollpullover, ein Kopftuch und/oder ein Hemd, einen Minirock oder eine lange Hose tragen. Sie werden Schlampe genannt, weil sie Schwarze und weil sie weiße sind. Sie werden Schlampe genannt, weil sie
zu dick oder dünn seien, egal wie viel Sex sie haben und was sie anziehen. Jetzt nennen wir uns selber Schlampen und tragen unser Recht auf sexuelle Selbstbestimmung auf die Straße. Als Schlampe im Minirock, als Nichtschlampe mit tiefem Dekolleté, als Schlampe im Anzug, als Schlampe im Wollpullover, als Schlampe mit Sportjacke.

Dabei geht es uns nicht darum, einmal leicht bekleidet durch die Straßen laufen zu können oder gar um ein Recht auf „Sexyness“. Es geht darum zu zeigen, dass wir die Schuldzuschiebung bei sexualisierter Gewalt nicht mehr hinnehmen und den alltäglichen Sexismus statt unserer Kleidung und unserem Verhalten an den Pranger stellen. So heißt es oft: Zieh dich weniger aufreizend an, sonst wirst du vergewaltigt.

So etwas Ähnliches sagte auch ein Polizeibeamter im Januar 2011 im Rahmen eines Sicherheitstrainings in Toronto. Er gab den Ratschlag, Frauen sollten sich nicht wie Schlampen anziehen, wenn sie nicht zu Opfern sexueller Übergriffe werden wollten. Dies löste in Toronto und dann auch bald weltweit eine wütende Protestwelle aus. Student_tinnen gingen bald danach erstmalig in Toronto empört auf die Straße um sich gegen diese unglaubliche Verkehrung der Tatsachen zu wehren. Der erste SlutWalk war am 03.04.2011 in Toronto. Dann folgten SlutWalks in den USA, Südamerika, Dänemark, Singapur, China, den Niederlanden, Tschechien, Österreich, Frankreich, Großbritannien, bald auch in Deutschland.

So auch heute, am 13.en bundesweit in 16 Städten Deutschlands, darunter, Berlin, Bielefeld, Bad Oldesloe, Stuttgart, Leipzig, Köln, Bremen, Freiburg, Ruhr, München, Münster, Dortmund, Frankfurt am Main, Stuttgart, Hannover und Hamburg.
Denn wir haben die Schnauze voll! No means no! Nein heisst Nein! Unsere Kleidung ist keine Einladung! Unsere Kleidung ist unsere Entscheidung!

Wir kämpfen für Selbstbestimmung in Bezug auf Körper, Geschlecht, Aussehen, Sexualität und Begehren! Wir haben es satt für sexualisierte Gewalt verantwortlich gemacht zu werden, wenn sie uns zugefügt wird!

Sexualisierte Gewalt ist ein Akt der Machtausübung und hat nichts mit dem Aussehen, der Kleidung oder dem Ort zu tun, an dem sie ausgeübt wird. Dazu werden wir aber gleich mehr von der Organisation Notruf für Vergewaltigte Frauen und Mädchen in Hamburg hören. Sexismus, die Ursache sexualisierter Gewalt, betrifft jegliche Benachteiligungen oder Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts. Zu Sexismus zählt auch, dass Heterosexualität als Normalität gilt und alles andere als Abweichung betrachtet wird. Wie kann von Gleichberechtigung gesprochen werden, wenn immer noch ein Unterschied zwischen der Ehe von heterosexuellen Paaren und der eingetragenen Lebenspartner_innenschaft von homosexuellen Paaren gemacht wird? Wenn schwul oder lesbisch sein, ein „Coming Out“ erfordert und damit ein Kampf gegen Diskriminierung in Familie, Schule, Büro und Alltag beginnt? Warum ist es kein Menschenrecht zu lieben und zu begehren, wen wir wollen? Das steht immernoch nicht im Grundgesetz!

Schwule Männer gelten als nicht männlich, lesbische Frauen gelten hingegen als zu männlich und bedienen nicht das gängige Bild einer „echten“ Frau*, die sich nach einem starken Mann sehnt. Und Menschen, die sich nicht mit ihrem von der Gesellschaft festgelegten, vermeintlich biologischen Geschlecht identifizieren können oder wollen (Trans*menschen), passen gar nicht in vorgefertigte und anerkannte Bilder. Sie werden somit für alles was sie sind oder eben nicht sein wollen diskriminiert. Hier spielt Sexismus ebenfalls eine Rolle, er hängt mit der Wiederholung von Geschlechterklischees zusammen.

Bist du schon einmal als Dragking oder Dragqueen durch Hamburgs Straßen gelaufen, hast die abwertenden Blicke gespürt, dir blöde Sprüche anhören müssen, dich fragen lassen müssen warum du so rumläufst, warum du nicht weiblich oder männlich bist? Wurdest du gar angegrapscht, weil du so aussahst, wie du aussahst? Bist du als schwuler Mann angefeindet worden, weil du man dir ansah, dass du nicht in das Rollenklischee eines heterosexuellen und Mannes passt? Vielleicht sogar mit sexualisierter
Gewalt konfrontiert worden? Oder als Lesbe direkt mit dieser Kategorie begrüßt worden und trotzdem dazu genötigt worden eine männliche Sexualität zu erfüllen?

Wir haben genug davon! Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der jeder Mensch so aussehen darf, wie er_sie sich wohlfühlt und begehren lieben darf, wen er_sie liebt und begehrt, solange dies konsensuell also eindeutig von beiden Seiten einvernehmlich
geschieht.

Es ist nicht besonders höflich Menschen zur Begrüßung nach ihrem Geschlecht (oder ihrer Sexualität) zu fragen, oder sie gar anzufassen. Es ist auch nicht höflich sie penetrant anzustarren. Sei sensibel und achte darauf was dein Gegenüber dir kommuniziert. Achte auf die Körperhaltung, das was die Person dir (damit) sagt. Nicht jeder Mensch möchte Sex mit dir, nur weil er_sie nicht sofort NEIN zu dir sagt. Alles, was kein Klares Ja ist bedeutet NEIN. Und ein Nein bedeutet immer und ganz klar Nein. Es ist unfassbar, dass wir das heute erklären müssen.

Aber, es gibt noch viele weitere Missstände auf die wir aufmerksam machen wollen, z.B. die Praxis, wie mit intersexuellen Menschen umgegangen wird. Menschen deren Genitalien, Hormone oder anatomischen Gegebenheiten nicht der Norm (eindeutig Mann* oder Frau*) entsprechen, werden im Kleinkindalter z.B. zwangsoperiert, um sie in die Norm entweder nur Mann oder Frau sein zu müssen, gewaltsam einzufügen. Sexismus wirkt immer zusammen mit anderen Machtstrukturen: So ist eine Schwarze Frau in der weißen, westlichen Welt zusätzlich diskriminierenden kolonialen, rassistischen Bildern ausgesetzt, die sie sexualisieren. Menschen mit Behinderung werden zusätzlich zu allen anderen Diskriminierungen oft gar nicht als Menschen mit einem Geschlecht wahrgenommen und ihnen wird ihre Sexualität abgesprochen. Der weiße heterosexuelle Mann hat eine andere Anerkennung in der Gesellschaft als der homosexuelle Schwarze Mann. Rassismus, Sexismus, Homophobie, Klassenzugehörigkeit (also das Einkommen und die soziale Position in der Gesellschaft) usw. sind immer miteinander verknüpft und verstärken sich gegenseitig.

Wie schon eben erwähnt wird z.B. Behinderten Menschen, also körperlich, psychischen und geistig Behinderten Menschen, wird oftmals Sexualität und Geschlecht komplett abgesprochen. Das Geschlecht und die Sexualität von Menschen mit Behinderung, ist
Menschen ohne Behinderung gegenüber nie gleichgestellt. Den körperlichen Anforderungen an eine leistungsfähige „gesunden“ Person, kann ein Körper mit Einschränkungen wohl auch kaum gerecht werden. Im Falle von sexueller Gewalt und Vergewaltigung führt eine A-Sexualisierung dazu, das betroffene Menschen mit Behinderung oftmals nicht ernst genommen, bzw. schwer ernst genommen werden, wenn sie das Erlebnis schildern. Die Glaubhaftigkeit in einem solchen Fall wird Menschen mit Behinderung (insbesondere Frauen) somit noch schwieriger gemacht, als es ohnehin schon für Menschen ohne Behinderung zu sein scheint.

Darüber hinaus sind Grenzverletzungen und Grenzen für Menschen mit Behinderungen teilweise schwerer kommunizierbar, wenn sie beispielsweise nicht sprechen können, oder die Hände nicht bewegen können. Dazu kommt, dass Schwangerschaftsabbrüche für Frauen mit Behinderung leichter durchzuziehen als für Frauen ohne Behinderung. Eine Frau mit Behinderung hat sich im Falle einer Schwangerschaft zumeist mit der Kritik zu konfrontieren, ob denn das Kind überhaupt eine Chance besitzt, gesund zur Welt zu kommen, ob sie der Erziehung gerecht werden kann, oder ob sie körperlich zu gebären in der Lage ist, während von einer Frau ohne Behinderung die Reproduktion durch Kinder kriegen gesellschaftlich erwartet wird, wird einer Frau mit Behinderung der Kinderwunsch oft versucht auszureden.

Wer behindert ist, und wer nicht, wer als anders gilt, und wer stillschweigend als normal dargestellt wird ist immer eine Frage gesellschaftlicher Mehrheitsverhältnisse und Verständnisse darüber, welche Norm hier die Gültige sein könnte. Hätten viele Menschen, die sehr stark die Meinung in der Öffentlichkeit prägen einen Arm und nicht zwei, würden Menschen mit zwei Armen als behindert definiert.

Wir wollen, dass all diesen Missständen eine Stimme in dieser Gesellschaft zukommt und dass jede_r sich dafür verantwortlich fühlt, für alle ein selbstbestimmtes Leben ohne Diskriminierung zu ermöglichen!

Sexismus, Trans*- und Homophobie abschaffen!

Wir sind heute auf der Straße, um für sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung zu kämpfen! Wir wollen weder, dass andere Menschen uns zu etwas drängen und so Gewalt über uns ausüben, noch wollen wir, dass von anderen Menschen oder von gesellschaftlichen Vorgaben bestimmt wird, wie Sexualität auszusehen hat und mit wem sie wann und wie ausgelebt werden darf.

Um mit anderen Menschen Sexualität leben zu können, ist es wichtig, dass die Grenzen einer jeden Person in jeder Situation neu wahrgenommen und respektiert werden. Wir tragen heute Schilder auf denen steht „Nein heißt Nein“/ „No means No“. Das bedeutet, dass ein einfaches Nein genügen muss, um die Grenzen des_der anderen zu wahren. Ein Nein kann auch Stille sein, ein kleines Kopfschütteln oder eine abwehrende Bewegung. Alles was kein eindeutiges Ja ist, heißt Nein!

Oft nehmen wir Grenzüberschreitungen gar nicht mehr wahr, aber sexualisierte Gewalt beginnt vor einer Vergewaltigung, und zwar dann, wenn deine persönliche Grenze überschritten wird! Es gibt dafür keine Kriterien von außen – du setzt deine Grenzen und kannst diese definieren, das nennt sich Definitionsmacht. Es ist nicht immer einfach ein Nein auszudrücken, deswegen gibt es das Konsensprinzip. Frage immer nach, was dein Gegenüber möchte. Ein „Ja“ zu einem Kuss, ist kein „Ja“ zu allem Weiteren, geschweige denn zum Geschlechtsverkehr. Und wenn Frauen sich einen kurzen Rock anziehen, möchten sie sicherlich nicht von dir angemacht, angestarrt oder gar angegrabscht werden. Zu viel wird als Selbstverständlichkeit angesehen, auch in festen Beziehungen.

Wir haben das alles so satt! Wir haben es satt, dass Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt verharmlost werden! Wir haben den alltäglichen Sexismus satt und die heterosexuelle Norm in dieser Gesellschaft! Wir erobern unsere Körper und Sexualität zurück und bestimmen frei darüber. Wir wollen Aussehen, wie wir es möchten, und wir kleiden uns NUR für uns selbst!

Auf einen kraftvollen Protest! Sexismus, Homophobie, Transphobie und Queerphobie von der Straße fegen! Für ein selbstbestimmtes Leben!

Die Verfasserinn_en möchten anmerken, dass sie Männer und Frauen als äußerst wirkungsvolle, machtvolle aber dennoch gesellschaftlich hergestellte und nicht natürlich vorhandene, biologische Kategorien auffassen und nicht umhin kommen sie zu wiederholen um sie zu kritisieren.